Tagebuch gesamt


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20. Jänner 1912

Endlich begonnen. Habe es schon so lange vorgehabt. Aber ich konnte mich von der Vorstellung nicht frei machen, dass ich vorher über mein früheres Leben notieren müsste, was mir einfällt. Deshalb habe ich 10 Jahre, oder mehr versäumt. Aber jetzt wird es gehen. Denn ich habe mir vorgenommen, mich selbst zu täuschen, indem ich mir einrede, ich werde nur ganz kurze Bemerkungen hineinschreiben, zu denen man alle Tage Zeit findet.

Also: Gestern abend in Frieds Konzert19. Januar 1912, Berlin, Philharmonie, 3. Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde; vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 17 (18. Januar 1912), S. 4 gewesen: Busoni-Kompositionen hatten mir bis jetzt nicht gefallen. Aber gestern gefiel mir Berceuse. Direkt ergreifendes Stück. Wirklich empfunden. Dem habe ich sehr unrecht getan. Wieder einem! – Dagegen Fried: der gefällt mir immer weniger. Der ist nur ein Reißer. Seit ich ihn kühl behandle, bewirbt er sich sehr um mich. Aber ich lasse ihn abgleiten. Nachher Kussiewitzki kennen gelernt.Der Dirigent Serge Koussevitzky hatte Schönbergs Musik erstmals im Jahr zuvor durch Sergej Prokofieffs Interpretation der Drei Klavierstücke op. 11 bei der Künstlervereinigung ARS in St. Petersburg gehört und wurde Schönberg durch dessen Agenten Emil Gutmann vorgestellt. Das Vermögen seiner Frau Natalie (geb. Uškov) hatte Koussevitzky bereits 1909 die Gründung der L’Édition Russe de Musique ermöglicht, in deren auf zeitgenössische russische Musik ausgerichtetem Programm unter anderen Skrjabin, Rachmaninow, Strawinsky und Prokofieff vertreten waren. Guttmann mich zu ihm geschleppt. Er will im heGelöscht ( durchgestrichen ) nächsten Jahr Pelleas in Petersburg21. Dezember 1912, St. Petersburg, Saal der Petersburger Adelsversammlung; Programm 21. Dezember 1912 (ASCI CP5533). und Moskau aufführen. Wäre sehr schön, hoffentlich.

Immerhin beginnt doch heuer das Ausland sehr intensiv sich mit mir zu befassen. In 2 Wochen sagt K. soll in Petersburg überdies mein II. Quartett gemacht werden. – Dann von Düren kennen gelernt. Soll sehr interessant sein. Bin neugierig. Wird mich besuchen und Kompositionen zeigen. Nach dem Konzert mit Guttmann, Herzka K.Gelöscht ( überschrieben ) Webern und Clark im Heidelberger RestaurantBierrestaurant zum Heidelberger, Hotel Central, Friedrichstraße 143-149. Guttmann sehr übermütig. Soll aber geschworen (!!) haben, im Herbst Gurrelieder aufzuführen! Werden sehen. Herzka strahlte! – Im Konzert auch Petri gesprochen. Weichlich. Soll meine Lieder und Klavierstücke aufführen (am 28.)Das für 28. Jänner anberaumte Konzert wurde wegen Verhinderung der Sängerin auf 4. Februar verschoben. Im Harmonium-Saal in Berlin spielten Martha Winternitz-Dorda (Gesang), Anton Webern (Harmonium), Louis Closson (Klavier), Eduard Steuermann (Klavier), Louis Grünberg (Klavier, Celesta) und Max Saal (Harfe); Programm 4. Februar 1912 (ASCI CP5513). Arnold Schönberg war im Herbst 1911 von Wien nach Berlin übersiedelt und organisierte ein Porträt-Konzert, um sich dort musikalisch einzuführen.. Ohne mir direkt zu missfallen, gefällt er mir – wenig. Busoni gefragt ob er in Orchesterstücken Klavierpart nehmen will. Abgelehnt: keine Zeit (offenbar keine Lust!) Infolgedessen: Petri auch keine Lust. Ein Meisterchen! Werde andere nehmen.

21. Jänner (Sonntag)

Heute angenehme NachrichtenC.F. Peters an Arnold Schönberg 20. Januar 1912 (ASCC 14928). Da Schönbergs Hauptverlag Universal-Edition nicht alle Werke im gewünschten Tempo publizieren konnte, hatte sich Schönberg mit Verlagsdirektor Hertzka darauf verständigt, die Orchesterstücke op. 6 bei einem anderen Verlag herauszugeben. Die Überlassung an den namhaften Verlag C.F. Peters sah man weniger als selbstschädigende Konkurrenzsituation, denn als Möglichkeit, die Reputation zu steigern (Vgl. Arnold Schönberg an Universal-Edition, 21. Jänner 1912 (ASCC 293). per Post (seit langem die ersten): Peters nimmt Orchesterstücke. Honorar niedrig! Aber Peters-Edition! Das entscheidet. Und gedruckt! Marschalk meldet sich wieder Schönberg bezieht sich auf seine Korrespondenz mit seinem ersten Verleger Max Marschalk Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 20. Jänner 1912 (ASCC 12423).. Der hat Hinter=Gründe! Offenbar hat er sich mit Herzka über meine und seine Sachen auseinandergesetzt. Habe Herzka wegen Druck der 5 freien Werke zum letzten mal gefragt„Nun möchte ich aber doch wissen, wie Sie sich zu den anderen Werken stellen. Und ich muss, das rasch wissen, denn ich möchte unbedingt alles so rasch wie möglich gedruckt haben. Deshalb frage ich Sie und bitte Sie um schleunige und klare Antwort: Welche der übrigbleibenden fünf Werke wollen Sie haben. Meine Bedingungen sind nur die unseres Vertrages“ (Arnold Schönberg an Universal-Edition, 21. Jänner 1912 (ASCC 293). Bei den genannten Werken handelt es sich um Arnold Schönberg, Am Strande; Zwei Lieder für Gesang und Klavier op. 14 (alle drei Lieder in einem Opus zusammenzufassen), Kammersymphonie op. 9, George-Lieder op. 15, Friede auf Erden op. 13.. Gleichzeitig Tischer und Jagenberg angefragt„da die Universal-Edition nicht in der Lage ist, soviel Werke von mir in der geforderten Frist zu drucken [...] so bin ich in der Lage Ihnen folgende Kompositionen zum Verlag anzubieten [...]“ Schönberg stellte die Forderung, dass alle angebotenen Werke in Verlag genommen werden müssten, was für einen kleinen Verlag nicht leistbar war. Arnold Schönberg an Gerhard Tischer, 21. Jänner 1912 (ASCC 23929). ob Sie sie haben wollen. Ich glaube nicht, damit ein Unrecht zu tun, da ich nicht die Absicht habe, einen durch den andern zu überbieten. Sondern im Gegenteil: Ich habe von Herzka weniger verlangt und werde trotzdem ihm die Sachen geben ohne auf T. und J. zu warten. Also nur um Zeit zu gewinnen. – NachGelöscht ( überschrieben )Vormittag unangenehme Nachricht: Frau Simon-Herlitz spielt nicht den Harmonium-Part in meinem Konzert. Empfiehlt Kaempf. Bös, im letzten Moment jemanden suchen zu müssen. Uebrigens


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Noch immer keine Zusage von der Winternitz. Dann nachmittag wieder unangenehmes. Webern wird am 5. März nicht in WiGelöscht ( durchgestrichen ) Berlin sein, wenn Rosé hier mein I. Quartett spielt. Tut mir leid, weil der einzige Freund der das Werk kennt, der einzige der ihm mit Wärme gegenübersteht. Er fährt nach Wien um die VIII Mahler-Symphonie zu hören. Täte ich ja auch gerne. Zeigt aber dass er doch nicht so ausschließlich an mir hängt, wie er gerne glauben machen möchte. Abends Diskussion darüber mit Mathilde. Resultat davon: wir sind halb und halb bös. Natürlich geht sie viel zu weit; denn sie hat aus gewissen Gründen (G)1907/08 hatte Mathilde Schönberg eine Affäre mit dem jungen Maler Richard Gerstl. Als diese im Sommer 1908 im gemeinsamen Urlaub am Traunsee aufflog, flüchteten Mathilde und Gerstl nach Nußdorf. Anton Webern fuhr ihnen nach und holte Mathilde zurück. Der in weiterer Folge geächtete und isolierte Gerstl beging im November 1908 Selbstmord. ein Bedürfnis dem Webern eins am Zeug zu flicken. Ich hielt ihr vor, dass ich selber mich gegen Mahler eigentlich oft nicht besser aufgeführt habe; dass Eltern gegen Kinder, Kinder gegen Eltern sich schlecht benehmen. Dass gut eben eine Abstraktion ist und nichts Absolutes. Dass es Absolut gute und tadellose Menschen nicht giebt. Und dass ich nicht vergessen will, in wie vielen andern Fällen sich Webern ausgezeichnet zu mir benimmt. Aber das will sie nicht einsehen. Sie bleibt starr bei ihrer Behauptung und hört kaum zu. –––

22. Jänner. Mit Petri Probe gehabt. Er wird die Stücke wahrscheinlich ausgezeichnet spielen. Mindestens klavieristisch. Im Ganzen nahm er alles zu rasch; oder vielmehr zu eilig. Ich sagte zu Webern: zu meiner Musik muss man Zeit haben. Die ist nichts für Leute, die anderes zu tun haben. Aber es ist jedenfalls ein großes Vergnügen seine Sachen von jemandem zu hören, der sie technisch vollkommen beherrscht. Es scheint, dass das Konzert sehr schön werden wird. Ich verspreche mir das Beste von den 8händigen Orchesterstücken! In den Vortrag kam ich um eine Viertelstunde zu spät. Busoni anwesend mit Frau und Sohn. Letzterer, sowie van Düren waren auch (ebenso Clark) bei Petri. van Düren sieht sympathisch aus (Dürer? ! ?). Seine Musik ist entschieden harmonisch der meinigen nahestehend. Aber rhythmisch und formell nicht! Habe im Vortrag ohne Vorbereitung gesprochen. Im Ganzen nicht einmal so schlecht. Obwohl ich einigemale bedenklich den Faden verlor und manches nicht zu Ende brachte, was ich angefangen hatte. Ich war wirklich müde von der schlecht durchbrachten Nacht, in der Görgi wegen Frostbeulen geweint hat. Aber trotzdem brachte ich es immerhin dazu meine Idee über das „obligate Recitativ“ (diesen Namen zu nennen vergaß ich merkwürdigerweise) ziemlich klar darzustellen und zu begründen. Ganz nicht. Die Idee ist tiefer: das Unaussprechliche sagt man in der freien Form. In der nähert es sich der Natur, die auch unfassbar und trotzdem wirksam ist. Webern war mit mir. Gefiel
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mir heute nicht besonders. Als er bemerkte, dass ich verstimmt bin, hatte er etwas unterdrückt Höhnisches an sich. – Morgen Probe mit den 3 Clavier-Virtuosen. Webern ersuchte mich ihn nicht zu blamieren, durch Tadel! Als ob ich je so etwas getan hätte. Musste ablehnen jene Sachen zu verschweigen, die für die Ausführung wichtig sind. Merkwürdig. So eine kleine Verstimmung will nicht nachlassen. Aber ich mag mich nicht gegen Webern einnehmen lassen. Ich glaube, er hat einmal hier etwas unrichtiges getan, sonst aber will er das Beste!! Und das entscheidet!
23. Jänner; Heute Probe mit Closson, Steuermann, Grünberg (lauter Busoni-Schüler) und Webern: die Orchesterstücke 8händig. Große Enttäuschung. Meine Schüler taugen mehr, als Busonis. Sind vielmehr Musiker. Ich glaube es sind auch gescheitere Menschen. Insbesondere Grünberg ist sehr schlecht. Keinen Rhythmus. Closson ist sehr gut, Steuermann nicht schlecht. Aber so das richtige Musicieren, dieses rasche Verstehen, das fehlt hier ganz. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache herauskommen wird. Gerne möchte ich Grünberg davonjagen, der wirklich nicht sympathisch ist und dem ich es schon zutraue, daß er, wie Perelmann erzählt hat, über meine Vorträge geschimpft hat. Er bestreitet das zwar, aber das ist doch erst recht unsympathisch. Und mit diesem Menschen hat Busoni mich verwechseln können„Unter den 871 (!) eingesandten Klavierstücken für das Signale-Preisausschreiben glaubte ich, Sie in einem Präludium und Fuge zu erkennen“ schrieb Busoni an Schönberg. Die genannte Einsendung war allerdings nicht von Grünberg, sondern von Karol Szymanowski (Brief von Ferruccio Busoni an Arnold Schönberg (Berlin, 7. Oktober 1909), bearbeitet von Claudio Fuchs und Christian Schaper, in: Briefwechsel Ferruccio Busoni – Arnold Schönberg, hrsg. von Christian Schaper und Ullrich Scheideler, Berlin: Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 3. Januar 2016: Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, https://busoni-nachlass.org/D0100019 (11. Januar 2020: in Korrekturphase): Der hatte jene Klavierstücke eingereicht (bei einer Preiskonkurrenz), die Busoni als von mir zu erkennen glaubte. Sehr tief scheint er mich nicht erfaßt zu haben. Denn das müßte man doch spüren, daß in meiner Musik etwas ist, was vonGelöscht ( durchgestrichen ) eine Ähnlichkeit mit Herrn Grünberg ausschließt. Übrigens: Busoni! Ich habe ihm gestern einen sehr warmen Brief über seine Kompositionen geschrieben. Es hat mich gedrängt, das Unrecht gutzumachen. Er läßt mir darauf heute durch van Düren sagen, daß er mir sehr danke; sich gefreut habe; aber mir nicht schreiben könne, weil er zu sehr beschäftigt sei. – Ich hätte in einem solchen Fall Zeit zum Schreiben gefunden! In meine Probe kommt er nicht. Offenbar weil ich nicht in der seinigen war. Er vergißt nur, daß ich ihn eingeladen habe, er mich aber nicht. Woher sollte ich wissen, ob es ihm recht ist?
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Peters hat heute schon das Honorar geschickt. Das ist schnell gegangen. Hoffentlich bringt es Glück. Ich lerne jetzt sehr viele Menschen kennen, aber es sind doch wenig Menschen darunter. Vielleicht erwirbt man so Menschenkenntnis, indem man auf solche Art stets keine Menschen findet. – Morgen 9 Uhr Probe. Hoffentlich geht's besser. Schwer ist so etwas einzustudieren. Es macht mir wirklich oftüber der Zeile hinzugefügt Schwierigkeiten zu sagen, ob es beisammen war. Erst wenn's anfängt klarer zu werden, unterscheide ich genau. Mir fehlen eben die Klänge! Die Farben. Das Klavier ist doch nur ein Instrument. Aber weniger für die Musiker als für die Pianisten. Vielleicht ist es deshalb so populär!?

28. 1. – Winternitz-Dorda hat am 24. das Konzert abgesagt! Repertoire-Änderung. Sie singt Sonntag nachmittag. Große Verlegenheit. Petri fährt am 29. für fünf Wochen nach London. Muß also anderen Pianisten für Klavierstücke, George- und ältere Lieder finden. Dachte auch an Balaban und Frau Werndorff. Im Notfall! Buhlik ist auch am 29. da. Aber so lange kann man nicht spielenGelöscht ( durchgestrichen ) warten. Konnte am 24. noch keinen Entschluß fassen. Bekam aber Einfall, Konzert bis zum 4. cirka zu verschieben, dann Berlin, Leipzig, Dresden, Breslau und Prag, als Tournee, da Zemlinsky in Prag ohnedies einen Abend von mir machen will. Gutmann gesagt, bestellt mich für 25. zu sich. Stellt Vertrag für Gurrelieder in Aussicht. Spricht aber vorläufig nichts davon, sondern macht die Aufführung vom materiellen Erfolg der VIII. Mahlers abhängig, die er im Mai dreimal aufführen will. Anmerkung Schönberg, linker Rand: ! Drei verschiedene Dirigenten: Walter, Mengelberg, Göhler. Schlechte Idee, mit der Mahler sicher nicht einverstanden gewesen wäre. Wenn schon drei Aufführungen, dann alle von einem Dirigenten, damit sieGelöscht ( überschrieben ) es von Mal zu Mal besser wird. Jede Aufführung ist dann eine Probe zur nächsten. Schlug aber Alex als einen dieser Dirigenten vor. Gutmann will nicht recht. Zu wenig bekannt. Werde noch drängen, vielleicht gelingt das. Mit Tournee nicht einverstanden, da zu wenig Zeit zur Vorbereitung. Dagegen Vorschlag, zu Frau Dr. Zehmes Vortrags Absichten einen Cyklus Pierrot lunaire zu komponieren. Stellt hohes Honorar (1000 Mark) in Aussicht. Habe Vorwort gelesen, Gedichte angeschaut, bin begeistert. Glänzende Idee, ganz in meinem Sinn. Würde das auch ohne Honorar machen wollen. Deshalb auch anderen Vorschlag gemacht: statt Honorar Aufführungstantiemen. Annehmbarer für mich, weil ich ja doch nicht auf Bestellung arbeiten kann. So aber: bringe ich
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die Melodramen fertig, dann soll sie sie aufführen und mir die vereinbarten und garantierten Tantiemen für 200Gelöscht ( durchgestrichen ) bis 30 Abende bezalen. Dürfte angenommen werden. Am 25. nachmittags trotz der Absage Probe gehalten. Geht nicht besonders gut. Grünberg ohne Rhythmus, Closson gut musikalisch, aber trocken. Fragte Closson, ob er anüber der Zeile hinzugefügt Petris Stelle einspringen wolle. Er lehnte ab. Unmöglich in so kurzer Zeit. Stellt sich heraus, daß Abend am 4. Februar sein muss, weil sonst auch Grünberg und Closson verreist sind. Beschließe, Winternitz zu fragen. Der hat Guttmann trotz meines energischen Protestes einen sehr scharfen Brief geschrieben. Winternitz antwortete entrüstet. Hält mir alles vor, „was sie für mich getan“. Dumme Gans! Vergisst, dass sie durch meine Konzerte aus der gänzlichen Unbeachtung hervorgezogen worden ist. MGelöscht ( durchgestrichen ) Nehme von diesen Dummheiten einfach nicht Notiz. Vor allem um sie zu einer klaren Antwort zu zwingen, ob sie mittunüber der Zeile hinzugefügt will oder nicht. Scheint aber nicht zu erzielen zu sein. Denn so wenig intelligent das Frauenzimmer sonst ist, darin ist sie schlau. Überhaupt: Lügen FrauenGelöscht ( durchgestrichen ) ja alle Frauenzimmer besser, als die Männer die Wahrheit sagen. AntworGelöscht ( durchgestrichen ) Winternitz antwortete am 27.! daß sie am 4. frei ist, am Sonnabend (3.) aber beschäftigt. Sodass keine Probe mehr sein könnte. Denke daran, das Konzert am 4. abends (statt Mittags) zu geben. Eventuell um 6 Uhr. Muss aber noch den Brief („Brief folgt“) abwarten. Es scheint, dieses Konzert soll nicht stattfinden. Ich habe ja immer große Schwierigkeiten. Aber so große hatte ich noch nie. Muß mich um andere Sängerin umsehen. Denke an Hempel; will deshalb Blech aufsuchen. Am 27. Nichts Besonderes los. Beschäftige mich mit den Korrekturen des Kontinuos für Prof. Dr. Guido Adler. Kam nicht weit. Am 28. Korrektur der Aphorismen für Akademischer Verein in Wien.

Brief von Peters der mir für Mittwoch in Berlin ein Rendezvous gibt, um mich persönlich kennenzulernen. Will Titel für die Orchesterstücke; aus verlagstechnischen Gründen. Werde vielleicht nachgegGelöscht ( überschrieben )ben, da ich Titel gefunden habe, die immerhin möglich sind. Im ganzen die Idee nicht sympathisch. Denn Musik ist darin wunderbar, dass man alles sagen kann, sodass der Wissende alles versteht, und trotzdem hat man seine Geheimnisse, die, die man sich selbst nicht gesteht, nicht ausgeplaudert. Titel aber plaudert aus. Außerdem: Was zu sagen war, hat die Musik gesagt. Wozu dann noch das Wort. Wären Worte nötig, wären sie drin. Aber die Musik sagt doch mehr als Worte. Die Titel, die ich vielleicht geben werde, plaudern nun, da sie teilsüber der Zeile hinzugefügt höchst dunkel sind,


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teils Technisches sagen, nichts aus. Nämlich: I. Vorgefühle (hat jeder)über der Zeile hinzugefügt, II. Vergangenes (hat auch jeder), III. Akkordfärbungen (technisches), IV. Peripetie (ist wohl allgemein genug), V. Das obligate (vielleicht besser das „ausgeführte“ oder das „unendliche“) Rezitativ. Jedenfalls mit einer Anmerkung, daß es sich ums Verlagstechnische und nicht um den „poetischen Inhalt“ handelt.

Nachmittags hätte Probe sein sollen, aber Steuermann und Grünberg waren waren aus Missverständnis nicht gekommen. Aber Closson will die Klavierstücke spielen. – Am 27. war Steuermann bei mir. Mir seine Kompositionen vorgespielt. Sehr talentvoll! Will bei mir lernen. Gebe ihm auf, die Klavierstücke und die Liederbegleitung fürs Konzert zu übernehmen. Sieht sich's an. Muss nun Klavierstücke an Closson abgeben. Macht aber wahrscheinlich Begleitungen. – Lernt er bei mir, dann verdiene ich, falls Zweig kommt, doch schon vielleicht 200 Mark monatlich. Und vor allem: ich habe wieder Schüler. Sagte Steuermann, daß ich ihn auch umsonst unterrichten würde. Er kann nämlich noch nicht sagen, ob und was er mir bezalen kann. Am 28. im Berliner Tageblatt: Dank Strindbergs für Geburtstags-Gratulationen. Könnte von mir sein. Ganz meine Empfindungen und Erfahrungen: Die Devotion und Beschämung einem Lob gegenüber, dem man sich zu gering vorkommt; andererseits der Hochmut und die Empörung, wenn einem verdiente Anerkennung entzogen wird. – Muss fort, für Mittag etwas einkaufen, weil Eichbergs kommen. Für nGelöscht ( überschrieben )Nachmittag hat sich eben Marc mit Frau angemeldet. Beides dürfte nicht sehr amüsant werden. Und dabei hätte ich so viel zu tun!

2. Februar Sonntag, 27Gelöscht ( überschrieben )8., waren Eichbergs zu Mittag da. Er ist ja ein ganz guter Kerl. Immer noch der alte, der eigentlich von einer Verlegenheit in die andere fällt, was er zwar durch weltmännisch-berlinische Forschheit verbergen möchte, ohne daß es ihm gelänge. Er spricht auch, insbesondere wenn er von seinem Fach spricht, sehr klug. Wenn er nur mehr davon spräche, da er doch weiß, daß ich mich für die Technik so interessiere. Sie bemühte sich auch, möglichst die Spannung auszugleichen, die durch ihre uns gezeigteüber der Zeile hinzugefügt Teilnahmslosigkeit zwischen uns herrschte. Anfangs bliebs kalt, dann wurden wir ja wieder etwas wärmer. Eichberg benützte wiederholt Gelegenheiten, meinem Wirken Aufmerksamkeit zu zeigen. Etwas forciert! So begann er einzelne meiner Bilder zu loben. Besah meine gedruckten Noten und Bücher.
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Erkundigte sich, ob er meine Harmonielehre verstehen werde. Fragte nach meinen Vorträgen. Sprach die Absicht aus, meine gedrucktenüber der Zeile hinzugefügt Lieder anzuschaffen. (Etwas forciert!) Und lobte besonders ein Bild wiederholt. Schließlich sprach er den Wunsch aus, es mir abzukaufen (eine kleine Winterlandschaft, die ich einmal, weil ich Kopfweh hatte, gemalt habe). Ich antwortete ausweichend, weil ich mir meine Versöhnung nicht abkaufen lassen wollte. Nachher kam Webern dazu. War im Konzert gewesen, bei Hausegger. Hatte Bischoff II. Symphonie gehört. Aber sehr wenig guten Eindruck gehabt. Ebenso von der Probe, die Busoni zu einem Schirmer-Verlags-Konzert gehalten hat. Insbesondere über Busoni als Dirigent. Dann kam Marc (ohne Frau, die krank war). Lobte unter heftigem Widerspruch meinerseits, Cassirer. Ich fand, gerade der gewisse „kunstverständige“ Kunsthändler sei schädlich für die Künstler. Denn der versteht es, mit dem Ausdruck der Bewunderung ein Viertel herabzudrücken von dem, was der bloß Geschäftsverständige gegeben hätte. Und schließlich wird einem diese ölige, weichliche Unterhaltung mit einem Menschen, dem man ja doch am liebsten einen Fußtritt geben möchte, zum Ueberdruss. Marc zeigte Brief von Loos, der über Oppenheimer schimpft, ihn Schwindler, Kokoschka-Kopisten nennt und vor ihm warnt. Wirkliches Unrecht, das man dem Oppenheimer tut: einen, der unoriginell ist, muß man deswegen noch nicht Schwindler nennen. In Wirklichkeit ist Oppenheimer gewiss wenig sympathisch. Seine Bilder haben mich nie über sein Nicht-Genie getäuscht. Er ist ein „Lausbub“, aber kein Schwindler. Und seine Bilder haben nichts mit Kokoschka gemein. Dat tut man beiden unrecht! Denn Kokoschka ist echt! – Marc ist ein ganz sympathischer Mensch. Etwas unklar und nicht sehr bedeutend. Er kaGelöscht ( durchgestrichen ) wird nicht lange mit Kandinsky zusammengehen. Insbesondere nicht, wenn man ihm das öfter, aber taktvoller nahelegen würde, als es der Brief eines Kunstfreundes tat, von dem er im Anschluss an Loos etwas präpotente Ratschläge („gehen Sie zu Hans v. Weber; was der tut, ist wohlgetan“ ...) erzählte. Montag, (29.) schickten wir Eichbergs das Bildchen, das sie bewundert hatten. Als Geschenk! Da Eichberg Geld hat, kann er größere Bilder kaufen und muss nicht das kleinste aussuchen, weil er hofft, es werde billig sein. Dann wäre ich ihm sogar noch zu Dank verpflichtet. „Der Mäcen!“ – Nachmittag Vortrag. Busoni war dort. Bedankte sich sehr warm für meinen Brief und war wirklich sehr nett. Ich halte es doch noch für möglich, daß ich mit ihm zGelöscht ( durchgestrichen ) mich zusammenfinde. Gewünscht habe ich es immer.
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Anmerkung Schönberg, linker Rand: Wohl in Berlin !! SchbgDenn er ist zweifellos ein genialer Mensch. Jedenfalls weitaus das beste, was ich bisher kennenlernte. Im Vortrag sagte ich dann meine Ideen über Genie und Talent. Insbesondere die, dass das Genie die zukünftige Form der Menschheit ist. Das schien Busoni sehr zu gefallen. (Freut mich wirklich ungemein!) Er will, dass ich bei ihm, vor vielen Gästen, einen solchen Vortrag halte. Ich bin nicht abgeneigt.
Dienstag, 1Gelöscht ( überschrieben )30. FebruarGelöscht ( durchgestrichen ) Nachmittags Probe für KlavierstGelöscht ( durchgestrichen ) Orchesterstücke. Endlich gingen I. und II. gut. Sogar sehr gut. Ich war darauf gekommen, dass die Bezeichnung (p und f) in der Bearbeitung von Stein unrichtig ist (pGelöscht ( überschrieben )f eines Fagotts und fGelöscht ( überschrieben )p einer Posaune), und änderte diese Zeichen nun. Jetzt geht es. Mittwoch, 31.

Rendezvous mit Peters (Henrichsen)über der Zeile hinzugefügt. Netter Mensch, unbedeutend, Spießer, aber wohlwollend und anscheinend sehr anständig. War sehr artig. In Habels Weinstube. Lud mich ein zu Kaviar und Rheinwein. Forschte mich über mein Verhältnis zur Universal-Edition aus. Gab zu erkennen, dass er mich gerne nähme, wenn ich frei wäre. SGelöscht ( überschrieben )Deutete an, dass der Vertrag kündbar ist. (Ich)innerhalb der Zeile hinzugefügt Lehnte indirekt ab, indem ich Herzka (mit Selbstüberwindung) sehr lobte. Geht ja wirklich nicht. Manchmal war er ja ganz nett gegen mich (der Kunstverständige, der Mäcen!) – Henrichsen fragte mich über Mahler, und als ich mich begeistert aussprach, fragte er, „ob er also nicht die Platten einschmelzen lassen solle“. Entsetzlich!! Das ist ja unerhört. Es ist höchste Zeit, dass ich etwas über Mahler schreibe! Das ist wirklich ein furchtbares Schicksal. Ich antwortete ihm: „Um Gottes willen, nur das nicht! Die heutige Jugend betet Mahler an wie einen Gott. Seine Zeit wird in längstens 5-10 Jahren kommen!“Aber da muss man unbedingt eingreifen, ehe es zu spät wird. Hätte ich doch nur die Macht! – Vorher hatte ich mit Closson Probe zu den neuen Klavierstücken. Er wird sie ja ganz gut spielen. Etwas trocken zwar. – Montag abend war ich in dem erwähnten Schirmer-Verlags-Konzert von Busoni. Mahlers Bearbeitung von Bach gehört, die ich dirigieren soll. Klingt sehr gut, bloss Orgel zu stark. Die übrigen Sachen wenig interessant, (Geigenkonzerte) und eine symphonische Sache von sogar unausstehlich. – Mittwoch Abend kam Horwitz. Um Agenten und mich zu besuchen. Also nur wegen des Agenten, denn sonst wäre er zum Konzert gekommen. Der Mensch wird immer unerträglicher.


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Webern ist wütend auf ihn, weil er ihm schon in der ersten Viertelstunde alle möglichen Bosheiten gesagt hat.