Endlich begonnen. Habe es schon so lange vorgehabt. Aber ich konnte mich von der Vorstellung nicht frei machen, dass ich vorher über mein früheres Leben notieren müsste, was mir einfällt. Deshalb habe ich 10 Jahre, oder mehr versäumt. Aber jetzt wird es gehen. Denn ich habe mir vorgenommen, mich selbst zu täuschen, indem ich mir einrede, ich werde nur ganz kurze Bemerkungen hineinschreiben, zu denen man alle Tage Zeit findet.
Also: Gestern abend in Frieds Konzert19. Januar 1912, Berlin, Philharmonie, 3. Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde; vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 17 (18. Januar 1912), S. 4 gewesen: Busoni-Kompositionen hatten mir bis jetzt nicht gefallen. Aber gestern gefiel mir Berceuse. Direkt ergreifendes Stück. Wirklich empfunden. Dem habe ich sehr unrecht getan. Wieder einem! – Dagegen Fried: der gefällt mir immer weniger. Der ist nur ein Reißer. Seit ich ihn kühl behandle, bewirbt er sich sehr um mich. Aber ich lasse ihn abgleiten. Nachher Kussiewitzki kennen gelernt.Der Dirigent Serge Koussevitzky hatte Schönbergs Musik erstmals im Jahr zuvor durch Sergej Prokofieffs Interpretation der Drei Klavierstücke op. 11 bei der Künstlervereinigung ARS in St. Petersburg gehört und wurde Schönberg durch dessen Agenten Emil Gutmann vorgestellt. Das Vermögen seiner Frau Natalie (geb. Uškov) hatte Koussevitzky bereits 1909 die Gründung der L’Édition Russe de Musique ermöglicht, in deren auf zeitgenössische russische Musik ausgerichtetem Programm unter anderen Skrjabin, Rachmaninow, Strawinsky und Prokofieff vertreten waren. Guttmann mich zu ihm geschleppt. Er will im heGelöscht ( durchgestrichen ) nächsten Jahr Pelleas in Petersburg21. Dezember 1912, St. Petersburg, Saal der Petersburger Adelsversammlung; Programm 21. Dezember 1912 (ASCI CP5533). und Moskau aufführen. Wäre sehr schön, hoffentlich.
Immerhin beginnt doch heuer das Ausland sehr intensiv sich mit mir zu befassen. In 2 Wochen sagt K. soll in Petersburg überdies mein II. Quartett gemacht werden. – Dann von Düren kennen gelernt. Soll sehr interessant sein. Bin neugierig. Wird mich besuchen und Kompositionen zeigen. Nach dem Konzert mit Guttmann, Herzka K.Gelöscht ( überschrieben ) Webern und Clark im Heidelberger RestaurantBierrestaurant zum Heidelberger, Hotel Central, Friedrichstraße 143-149. Guttmann sehr übermütig. Soll aber geschworen (!!) haben, im Herbst Gurrelieder aufzuführen! Werden sehen. Herzka strahlte! – Im Konzert auch Petri gesprochen. Weichlich. Soll meine Lieder und Klavierstücke aufführen (am 28.)Das für 28. Jänner anberaumte Konzert wurde wegen Verhinderung der Sängerin auf 4. Februar verschoben. Im Harmonium-Saal in Berlin spielten Martha Winternitz-Dorda (Gesang), Anton Webern (Harmonium), Louis Closson (Klavier), Eduard Steuermann (Klavier), Louis Grünberg (Klavier, Celesta) und Max Saal (Harfe); Programm 4. Februar 1912 (ASCI CP5513). Arnold Schönberg war im Herbst 1911 von Wien nach Berlin übersiedelt und organisierte ein Porträt-Konzert, um sich dort musikalisch einzuführen.. Ohne mir direkt zu missfallen, gefällt er mir – wenig. Busoni gefragt ob er in Orchesterstücken Klavierpart nehmen will. Abgelehnt: keine Zeit (offenbar keine Lust!) Infolgedessen: Petri auch keine Lust. Ein Meisterchen! Werde andere nehmen.
21. Jänner (Sonntag)Heute angenehme NachrichtenC.F. Peters an Arnold Schönberg 20. Januar 1912 (ASCC 14928). Da Schönbergs Hauptverlag Universal-Edition nicht alle Werke im gewünschten Tempo publizieren konnte, hatte sich Schönberg mit Verlagsdirektor Hertzka darauf verständigt, die Orchesterstücke op. 6 bei einem anderen Verlag herauszugeben. Die Überlassung an den namhaften Verlag C.F. Peters sah man weniger als selbstschädigende Konkurrenzsituation, denn als Möglichkeit, die Reputation zu steigern (Vgl. Arnold Schönberg an Universal-Edition, 21. Jänner 1912 (ASCC 293). per Post (seit langem die ersten): Peters nimmt Orchesterstücke. Honorar niedrig! Aber Peters-Edition! Das entscheidet. Und gedruckt! Marschalk meldet sich wieder Schönberg bezieht sich auf seine Korrespondenz mit seinem ersten Verleger Max Marschalk Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 20. Jänner 1912 (ASCC 12423).. Der hat Hinter=Gründe! Offenbar hat er sich mit Herzka über meine und seine Sachen auseinandergesetzt. Habe Herzka wegen Druck der 5 freien Werke zum letzten mal gefragt„Nun möchte ich aber doch wissen, wie Sie sich zu den anderen Werken stellen. Und ich muss, das rasch wissen, denn ich möchte unbedingt alles so rasch wie möglich gedruckt haben. Deshalb frage ich Sie und bitte Sie um schleunige und klare Antwort: Welche der übrigbleibenden fünf Werke wollen Sie haben. Meine Bedingungen sind nur die unseres Vertrages“ (Arnold Schönberg an Universal-Edition, 21. Jänner 1912 (ASCC 293). Bei den genannten Werken handelt es sich um Arnold Schönberg, Am Strande; Zwei Lieder für Gesang und Klavier op. 14 (alle drei Lieder in einem Opus zusammenzufassen), Kammersymphonie op. 9, George-Lieder op. 15, Friede auf Erden op. 13.. Gleichzeitig Tischer und Jagenberg angefragt„da die Universal-Edition nicht in der Lage ist, soviel Werke von mir in der geforderten Frist zu drucken [...] so bin ich in der Lage Ihnen folgende Kompositionen zum Verlag anzubieten [...]“ Schönberg stellte die Forderung, dass alle angebotenen Werke in Verlag genommen werden müssten, was für einen kleinen Verlag nicht leistbar war. Arnold Schönberg an Gerhard Tischer, 21. Jänner 1912 (ASCC 23929). ob Sie sie haben wollen. Ich glaube nicht, damit ein Unrecht zu tun, da ich nicht die Absicht habe, einen durch den andern zu überbieten. Sondern im Gegenteil: Ich habe von Herzka weniger verlangt und werde trotzdem ihm die Sachen geben ohne auf T. und J. zu warten. Also nur um Zeit zu gewinnen. – NachGelöscht ( überschrieben )Vormittag unangenehme Nachricht: Frau Simon-Herlitz spielt nicht den Harmonium-Part in meinem Konzert. Empfiehlt Kaempf. Bös, im letzten Moment jemanden suchen zu müssen. Uebrigens
Peters hat heute schon das Honorar geschickt. Das ist schnell gegangen. Hoffentlich bringt es Glück. Ich lerne jetzt sehr viele Menschen kennen, aber es sind doch wenig Menschen darunter. Vielleicht erwirbt man so Menschenkenntnis, indem man auf solche Art stets keine Menschen findet. – Morgen 9 Uhr Probe. Hoffentlich geht's besser. Schwer ist so etwas einzustudieren. Es macht mir wirklich oftüber der Zeile hinzugefügt Schwierigkeiten zu sagen, ob es beisammen war. Erst wenn's anfängt klarer zu werden, unterscheide ich genau. Mir fehlen eben die Klänge! Die Farben. Das Klavier ist doch nur ein Instrument. Aber weniger für die Musiker als für die Pianisten. Vielleicht ist es deshalb so populär!?
28. 1. – Winternitz-Dorda hat am 24. das Konzert abgesagt! Repertoire-Änderung. Sie singt Sonntag nachmittag. Große Verlegenheit. Petri fährt am 29. für fünf Wochen nach London. Muß also anderen Pianisten für Klavierstücke, George- und ältere Lieder finden. Dachte auch an Balaban und Frau Werndorff. Im Notfall! Buhlik ist auch am 29. da. Aber so lange kann man nicht spielenGelöscht ( durchgestrichen ) warten. Konnte am 24. noch keinen Entschluß fassen. Bekam aber Einfall, Konzert bis zum 4. cirka zu verschieben, dann Berlin, Leipzig, Dresden, Breslau und Prag, als Tournee, da Zemlinsky in Prag ohnedies einen Abend von mir machen will. Gutmann gesagt, bestellt mich für 25. zu sich. Stellt Vertrag für Gurrelieder in Aussicht. Spricht aber vorläufig nichts davon, sondern macht die Aufführung vom materiellen Erfolg der VIII. Mahlers abhängig, die er im Mai dreimal aufführen will. Drei verschiedene Dirigenten: Walter, Mengelberg, Göhler. Schlechte Idee, mit der Mahler sicher nicht einverstanden gewesen wäre. Wenn schon drei Aufführungen, dann alle von einem Dirigenten, damit sieGelöscht ( überschrieben ) es von Mal zu Mal besser wird. Jede Aufführung ist dann eine Probe zur nächsten. Schlug aber Alex als einen dieser Dirigenten vor. Gutmann will nicht recht. Zu wenig bekannt. Werde noch drängen, vielleicht gelingt das. Mit Tournee nicht einverstanden, da zu wenig Zeit zur Vorbereitung. Dagegen Vorschlag, zu Frau Dr. Zehmes Vortrags Absichten einen Cyklus Pierrot lunaire zu komponieren. Stellt hohes Honorar (1000 Mark) in Aussicht. Habe Vorwort gelesen, Gedichte angeschaut, bin begeistert. Glänzende Idee, ganz in meinem Sinn. Würde das auch ohne Honorar machen wollen. Deshalb auch anderen Vorschlag gemacht: statt Honorar Aufführungstantiemen. Annehmbarer für mich, weil ich ja doch nicht auf Bestellung arbeiten kann. So aber: bringe ichBrief von Peters der mir für Mittwoch in Berlin ein Rendezvous gibt, um mich persönlich kennenzulernen. Will Titel für die Orchesterstücke; aus verlagstechnischen Gründen. Werde vielleicht nachgegGelöscht ( überschrieben )ben, da ich Titel gefunden habe, die immerhin möglich sind. Im ganzen die Idee nicht sympathisch. Denn Musik ist darin wunderbar, dass man alles sagen kann, sodass der Wissende alles versteht, und trotzdem hat man seine Geheimnisse, die, die man sich selbst nicht gesteht, nicht ausgeplaudert. Titel aber plaudert aus. Außerdem: Was zu sagen war, hat die Musik gesagt. Wozu dann noch das Wort. Wären Worte nötig, wären sie drin. Aber die Musik sagt doch mehr als Worte. Die Titel, die ich vielleicht geben werde, plaudern nun, da sie teilsüber der Zeile hinzugefügt höchst dunkel sind,
Nachmittags hätte Probe sein sollen, aber Steuermann und Grünberg waren waren aus Missverständnis nicht gekommen. Aber Closson will die Klavierstücke spielen. – Am 27. war Steuermann bei mir. Mir seine Kompositionen vorgespielt. Sehr talentvoll! Will bei mir lernen. Gebe ihm auf, die Klavierstücke und die Liederbegleitung fürs Konzert zu übernehmen. Sieht sich's an. Muss nun Klavierstücke an Closson abgeben. Macht aber wahrscheinlich Begleitungen. – Lernt er bei mir, dann verdiene ich, falls Zweig kommt, doch schon vielleicht 200 Mark monatlich. Und vor allem: ich habe wieder Schüler. Sagte Steuermann, daß ich ihn auch umsonst unterrichten würde. Er kann nämlich noch nicht sagen, ob und was er mir bezalen kann. Am 28. im Berliner Tageblatt: Dank Strindbergs für Geburtstags-Gratulationen. Könnte von mir sein. Ganz meine Empfindungen und Erfahrungen: Die Devotion und Beschämung einem Lob gegenüber, dem man sich zu gering vorkommt; andererseits der Hochmut und die Empörung, wenn einem verdiente Anerkennung entzogen wird. – Muss fort, für Mittag etwas einkaufen, weil Eichbergs kommen. Für nGelöscht ( überschrieben )Nachmittag hat sich eben Marc mit Frau angemeldet. Beides dürfte nicht sehr amüsant werden. Und dabei hätte ich so viel zu tun!
2. Februar Sonntag, 27Gelöscht ( überschrieben )8., waren Eichbergs zu Mittag da. Er ist ja ein ganz guter Kerl. Immer noch der alte, der eigentlich von einer Verlegenheit in die andere fällt, was er zwar durch weltmännisch-berlinische Forschheit verbergen möchte, ohne daß es ihm gelänge. Er spricht auch, insbesondere wenn er von seinem Fach spricht, sehr klug. Wenn er nur mehr davon spräche, da er doch weiß, daß ich mich für die Technik so interessiere. Sie bemühte sich auch, möglichst die Spannung auszugleichen, die durch ihre uns gezeigteüber der Zeile hinzugefügt Teilnahmslosigkeit zwischen uns herrschte. Anfangs bliebs kalt, dann wurden wir ja wieder etwas wärmer. Eichberg benützte wiederholt Gelegenheiten, meinem Wirken Aufmerksamkeit zu zeigen. Etwas forciert! So begann er einzelne meiner Bilder zu loben. Besah meine gedruckten Noten und Bücher.Rendezvous mit Peters (Henrichsen)über der Zeile hinzugefügt. Netter Mensch, unbedeutend, Spießer, aber wohlwollend und anscheinend sehr anständig. War sehr artig. In Habels Weinstube. Lud mich ein zu Kaviar und Rheinwein. Forschte mich über mein Verhältnis zur Universal-Edition aus. Gab zu erkennen, dass er mich gerne nähme, wenn ich frei wäre. SGelöscht ( überschrieben )Deutete an, dass der Vertrag kündbar ist. (Ich)innerhalb der Zeile hinzugefügt Lehnte indirekt ab, indem ich Herzka (mit Selbstüberwindung) sehr lobte. Geht ja wirklich nicht. Manchmal war er ja ganz nett gegen mich (der Kunstverständige, der Mäcen!) – Henrichsen fragte mich über Mahler, und als ich mich begeistert aussprach, fragte er, „ob er also nicht die Platten einschmelzen lassen solle“. Entsetzlich!! Das ist ja unerhört. Es ist höchste Zeit, dass ich etwas über Mahler schreibe! Das ist wirklich ein furchtbares Schicksal. Ich antwortete ihm: „Um Gottes willen, nur das nicht! Die heutige Jugend betet Mahler an wie einen Gott. Seine Zeit wird in längstens 5-10 Jahren kommen!“Aber da muss man unbedingt eingreifen, ehe es zu spät wird. Hätte ich doch nur die Macht! – Vorher hatte ich mit Closson Probe zu den neuen Klavierstücken. Er wird sie ja ganz gut spielen. Etwas trocken zwar. – Montag abend war ich in dem erwähnten Schirmer-Verlags-Konzert von Busoni. Mahlers Bearbeitung von Bach gehört, die ich dirigieren soll. Klingt sehr gut, bloss Orgel zu stark. Die übrigen Sachen wenig interessant, (Geigenkonzerte) und eine symphonische Sache von sogar unausstehlich. – Mittwoch Abend kam Horwitz. Um Agenten und mich zu besuchen. Also nur wegen des Agenten, denn sonst wäre er zum Konzert gekommen. Der Mensch wird immer unerträglicher.