1. Tagebucheintrag, 20.01.1912


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20. Jänner 1912

Endlich begonnen. Habe es schon so lange vorgehabt. Aber ich konnte mich von der Vorstellung nicht frei machen, dass ich vorher über mein früheres Leben notieren müsste, was mir einfällt. Deshalb habe ich 10 Jahre, oder mehr versäumt. Aber jetzt wird es gehen. Denn ich habe mir vorgenommen, mich selbst zu täuschen, indem ich mir einrede, ich werde nur ganz kurze Bemerkungen hineinschreiben, zu denen man alle Tage Zeit findet.

Also: Gestern abend in Frieds Konzert19. Januar 1912, Berlin, Philharmonie, 3. Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde; vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger 17 (18. Januar 1912), S. 4 gewesen: Busoni-Kompositionen hatten mir bis jetzt nicht gefallen. Aber gestern gefiel mir Berceuse. Direkt ergreifendes Stück. Wirklich empfunden. Dem habe ich sehr unrecht getan. Wieder einem! – Dagegen Fried: der gefällt mir immer weniger. Der ist nur ein Reißer. Seit ich ihn kühl behandle, bewirbt er sich sehr um mich. Aber ich lasse ihn abgleiten. Nachher Kussiewitzki kennen gelernt.Der Dirigent Serge Koussevitzky hatte Schönbergs Musik erstmals im Jahr zuvor durch Sergej Prokofieffs Interpretation der Drei Klavierstücke op. 11 bei der Künstlervereinigung ARS in St. Petersburg gehört und wurde Schönberg durch dessen Agenten Emil Gutmann vorgestellt. Das Vermögen seiner Frau Natalie (geb. Uškov) hatte Koussevitzky bereits 1909 die Gründung der L’Édition Russe de Musique ermöglicht, in deren auf zeitgenössische russische Musik ausgerichtetem Programm unter anderen Skrjabin, Rachmaninow, Strawinsky und Prokofieff vertreten waren. Guttmann mich zu ihm geschleppt. Er will im heGelöscht ( durchgestrichen ) nächsten Jahr Pelleas in Petersburg21. Dezember 1912, St. Petersburg, Saal der Petersburger Adelsversammlung; Programm 21. Dezember 1912 (ASCI CP5533). und Moskau aufführen. Wäre sehr schön, hoffentlich.

Immerhin beginnt doch heuer das Ausland sehr intensiv sich mit mir zu befassen. In 2 Wochen sagt K. soll in Petersburg überdies mein II. Quartett gemacht werden. – Dann von Düren kennen gelernt. Soll sehr interessant sein. Bin neugierig. Wird mich besuchen und Kompositionen zeigen. Nach dem Konzert mit Guttmann, Herzka K.Gelöscht ( überschrieben ) Webern und Clark im Heidelberger RestaurantBierrestaurant zum Heidelberger, Hotel Central, Friedrichstraße 143-149. Guttmann sehr übermütig. Soll aber geschworen (!!) haben, im Herbst Gurrelieder aufzuführen! Werden sehen. Herzka strahlte! – Im Konzert auch Petri gesprochen. Weichlich. Soll meine Lieder und Klavierstücke aufführen (am 28.)Das für 28. Jänner anberaumte Konzert wurde wegen Verhinderung der Sängerin auf 4. Februar verschoben. Im Harmonium-Saal in Berlin spielten Martha Winternitz-Dorda (Gesang), Anton Webern (Harmonium), Louis Closson (Klavier), Eduard Steuermann (Klavier), Louis Grünberg (Klavier, Celesta) und Max Saal (Harfe); Programm 4. Februar 1912 (ASCI CP5513). Arnold Schönberg war im Herbst 1911 von Wien nach Berlin übersiedelt und organisierte ein Porträt-Konzert, um sich dort musikalisch einzuführen.. Ohne mir direkt zu missfallen, gefällt er mir – wenig. Busoni gefragt ob er in Orchesterstücken Klavierpart nehmen will. Abgelehnt: keine Zeit (offenbar keine Lust!) Infolgedessen: Petri auch keine Lust. Ein Meisterchen! Werde andere nehmen.