3. Tagebucheintrag, 22.01.1912

22. Jänner. Mit Petri Probe gehabt. Er wird die Stücke wahrscheinlich ausgezeichnet spielen. Mindestens klavieristisch. Im Ganzen nahm er alles zu rasch; oder vielmehr zu eilig. Ich sagte zu Webern: zu meiner Musik muss man Zeit haben. Die ist nichts für Leute, die anderes zu tun haben. Aber es ist jedenfalls ein großes Vergnügen seine Sachen von jemandem zu hören, der sie technisch vollkommen beherrscht. Es scheint, dass das Konzert sehr schön werden wird. Ich verspreche mir das Beste von den 8händigen Orchesterstücken! In den Vortrag kam ich um eine Viertelstunde zu spät. Busoni anwesend mit Frau und Sohn. Letzterer, sowie van Düren waren auch (ebenso Clark) bei Petri. van Düren sieht sympathisch aus (Dürer? ! ?). Seine Musik ist entschieden harmonisch der meinigen nahestehend. Aber rhythmisch und formell nicht! Habe im Vortrag ohne Vorbereitung gesprochen. Im Ganzen nicht einmal so schlecht. Obwohl ich einigemale bedenklich den Faden verlor und manches nicht zu Ende brachte, was ich angefangen hatte. Ich war wirklich müde von der schlecht durchbrachten Nacht, in der Görgi wegen Frostbeulen geweint hat. Aber trotzdem brachte ich es immerhin dazu meine Idee über das „obligate Recitativ“ (diesen Namen zu nennen vergaß ich merkwürdigerweise) ziemlich klar darzustellen und zu begründen. Ganz nicht. Die Idee ist tiefer: das Unaussprechliche sagt man in der freien Form. In der nähert es sich der Natur, die auch unfassbar und trotzdem wirksam ist. Webern war mit mir. Gefiel
Seite 3 — Faksimile
mir heute nicht besonders. Als er bemerkte, dass ich verstimmt bin, hatte er etwas unterdrückt Höhnisches an sich. – Morgen Probe mit den 3 Clavier-Virtuosen. Webern ersuchte mich ihn nicht zu blamieren, durch Tadel! Als ob ich je so etwas getan hätte. Musste ablehnen jene Sachen zu verschweigen, die für die Ausführung wichtig sind. Merkwürdig. So eine kleine Verstimmung will nicht nachlassen. Aber ich mag mich nicht gegen Webern einnehmen lassen. Ich glaube, er hat einmal hier etwas unrichtiges getan, sonst aber will er das Beste!! Und das entscheidet!